Psychosoziale Anamnese und Diagnostik oder: Was genau ist schwer für Sie – und was sind Ihre Kraftquellen?

Autor:  Barbara Grießmeier, Iris Lein-Köhler, Erstellt am 16.11.2021, Zuletzt geändert: 13.07.2022 https://kinderkrebsinfo.de/doi/e243085

Zu Beginn der Behandlung Ihres Kindes steht die gesamte Zeit der Therapie wahrscheinlich wie ein riesiger Berg vor Ihnen. Sie fragen sich vielleicht, wie das Leben Ihrer Freunde und Bekannten „einfach so“ weitergehen kann und haben dabei das Gefühl, dass Ihr Umfeld gar nicht nachvollziehen und ermessen kann, wie es Ihnen geht. Nichts bleibt, wie es war und auch Sie selbst können die einzelnen Schritte, die nun auf Sie und Ihr Kind zukommen, noch gar nicht erkennen oder voneinander unterscheiden.

Damit die MitarbeiterInnen des psychosozialen Teams Sie möglichst gut begleiten und unterstützen können, werden diese gemeinsam mit Ihnen in einer psychosozialen Anamnese die aktuelle Situation genauer betrachten. Die MitarbeiterInnen werden sowohl die verschiedenen Belastungsfaktoren als auch die Ressourcen und Stärken Ihrer Familie kennenlernen und dann überlegen, in welchen Bereichen Sie und Ihr Kind am besten welche Hilfen brauchen können. Diese Anamnese wird in den meisten Fällen in einem gemeinsamen Gespräch erhoben, gelegentlich auch mit Hilfe eines Anamnesefragebogens.

In der Kinderonkologie geht man davon aus, dass jede Familie einen entsprechenden „Bedarf“ hat, der in der Krisensituation entsteht und im gemeinsamen Gespräch genauer ermittelt wird. Diesen grundsätzlichen Bedarf sieht man in der Erwachsenenonkologie anders, wo häufig spezielle Fragebögen (sogenannte Screening- Instrumente) eingesetzt werden, um festzustellen, welche PatientInnen überhaupt eine psychoonkologische Versorgung bekommen sollen.

Was genau Ihre Familie an psychosozialer Unterstützung wünscht und braucht, wird dabei jeweils mit Ihnen gemeinsam besprochen; Fragebögen sind hierfür nicht nötig. Spezielle Fragebögen werden nur bei konkreten Fragestellungen, die auch eine Konsequenz nach sich ziehen, eingesetzt oder beispielsweise für Forschungsfragen verwendet, um etwa mehr über die Lebensqualität der PatientInnen zu erfahren.

Ressourcen oder: Was kann macht Ihre Familie stark machen?

Psychosoziale MitarbeiterInnen fragen nicht nur nach den Schwierigkeiten, die die Krankheit Ihres Kindes mit sich bringt, sondern vor allem auch nach dem, was Sie und Ihre Familie schützt und stark macht. Denn auch wenn verschiedene Kinder eine ähnliche Diagnose (und damit eine ähnlich belastende Therapie) haben, kann die Art und Weise des Umgangs der Familien damit doch sehr unterschiedlich sein. Ein wesentliches Ziel der psychosozialen Versorgung ist es, die Kraftquellen jeder Familie kennen zu lernen und zu fördern.

Im Gespräch mit den psychosozialen MitarbeiterInnen können Sie sich neu bewusst werden, was Ihnen bisher im Leben in schweren Zeiten geholfen hat, welche Stärken Sie bereits mitbringen und wie Sie diese zur Bewältigung der Situation einsetzen können. So wird es Ihnen sicherlich gelingen, die anstehenden Probleme auf Ihre ganz persönliche Art und Weise zu meistern.

Seit vielen Jahren beschäftigt sich auch die Forschung mit der Frage, wie persönliche Widerstandsfähigkeit und individuelle Stärken dazu beitragen können, trotz stressiger Lebensumstände (wie einer Krebserkrankung) seelisch gesund zu bleiben. Damit ist gemeint, dass Sie beispielsweise die kritische Situation nach einer gewissen Zeit hinter sich lassen können und nicht über lange Zeit hin davon beeinträchtigt bleiben. Hier hat sich in den letzten Jahren auch der Begriff der „Resilienz“ eingebürgert.

Sie können auch in der Krise Lebensfreude, Vertrauen und Zuversicht erfahren, wenn Sie beispielsweise

  • Vertrauen und eine optimistische Grundeinstellung in das Leben haben
  • sinnstiftende Erfahrungen im Umgang mit Krankheit und/oder Tod gemacht haben
  • Probleme aktiv angehen und darüber sprechen
  • sich auch der eigenen Grenzen bewusst sind
  • sich gut ablenken können
  • Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben
  • anderen Menschen gegenüber offen sind
  • kreativ sind
  • die Bereitschaft mitbringen, „das Gute im Schlechten zu sehen“
  • die Fähigkeit entwickeln, im Hier und Jetzt zu bleiben (und nicht über die Vergangenheit oder die Zukunft zu grübeln)
  • eine Anbindung an eine Religion oder spirituelle Praxis haben

Neben den persönlichen Stärken wird der Umgang mit einer Krebserkrankung bei Kindern vor allem auf längere Sicht auch beeinflusst von der Art und Weise, wie gut Ihre Familie mit anderen Menschen verbunden ist und wie viel Unterstützung Sie „von außen“ erwarten können. Bei der Vielzahl von Belastungen spielt die soziale Einbindung vor allem bei längerer Therapiedauer eine sehr wichtige Rolle. Hier kann es hilfreich sein, wenn Sie

  • einen guten Zusammenhalt der Familienmitglieder erleben
  • verlässliche emotionale Bindungen haben (wichtig auch für die Eltern selbst)
  • als Eltern die Möglichkeit haben, sich auch einmal „anlehnen“ oder „ausweinen“ zu können
  • in der Familie offen über alles reden können
  • ein gutes soziales Netz auch außerhalb der Familie haben
  • die Beziehung zu Ihrem Kind als stabil und bereichernd erleben
  • sich mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin in Erziehungsfragen einig sind
  • bereit sind, sich immer wieder neu anzupassen
  • keine finanziellen und rechtlichen Probleme haben
  • zu einer religiösen Gemeinschaft gehören, die Sie unterstützt

Krankheitsabhängige Belastungen oder: Was genau bedeutet die Diagnose für Ihre Familie?

Sowohl zu Beginn der Therapie als auch im weiteren Verlauf der Behandlung schauen die psychosozialen MitarbeiterInnen gemeinsam mit Ihnen genau darauf, in welchen Bereichen Belastungen durch die Erkrankung entstehen und wie diesen begegnet werden kann. Auch wenn manche Aspekte der Belastungen in den meisten Familien eine Rolle spielen, können diese doch im Einzelfall unterschiedlich ausgeprägt sein oder unterschiedliche Schwerpunkte haben. Dies betrifft beispielsweise

  • die körperlichen Auswirkungen der Krankheit und der Therapie
  • den Umgang mit medizinischen Maßnahmen
  • die Auswirkung der Behandlung auf die Arbeitssituation der Eltern
  • finanzielle Einbußen
  • die Versorgung der Geschwister
  • die seelischen Auswirkungen auf Kind, Eltern und Geschwister
  • soziale Probleme

Krankheitsunabhängige Belastungen oder: Welche Last bringen Sie schon mit?

Neben den Belastungen, die durch die Krankheit und die Therapie für Ihre Familie entstehen, gibt es eine ganze Reihe von Faktoren, die Sie sozusagen schon „mitbringen“ und die den Umgang mit der Situation teilweise erheblich schwerer machen können. Um Sie hierbei gut unterstützen zu können, erfragen die psychosozialen MitarbeiterInnen auch, wie Sie zu Hause leben, was Sie beruflich machen und ob es außer der Erkrankung Ihres Kindes noch andere Probleme in der Familie gibt.

Insbesondere zu Beginn der Therapie werden die psychosozialen MitarbeiterInnen diese Risikofaktoren besonders im Auge haben und versuchen, durch ihre Angebote zumindest einige davon soweit abzumildern, dass die Behandlung des Kindes nicht gefährdet wird. Hier folgen einige Bespiele für solche Belastungen, die die Zeit der Behandlung für Sie erschweren können:

  • Mutter oder Vater sind arbeitslos, das Geld ist knapp.
  • Sie sind alleinerziehend.
  • Ihre Wohnung wurde gekündigt.
  • Sie haben eine sehr weite Anfahrt zur Klinik.
  • Sie sprechen nur wenig Deutsch und/oder sind neu in Deutschland.
  • Sie wissen noch nicht, ob Sie in Deutschland bleiben dürfen.
  • Sie haben kaum Freunde oder Familienangehörige, die Sie unterstützen können.
  • Sie als Eltern trennen sich gerade oder haben sehr unterschiedliche Vorstellungen über die Erziehung des Kindes.
  • Sie wissen manchmal nicht, wie Sie auf schwieriges Verhalten Ihres Kindes reagieren sollen.
  • Das kranke Kind oder ein Geschwister ist in seiner/ihrer Entwicklung zurück.
  • Ein anderes Familienmitglied ist körperlich oder seelisch krank.
  • Sie haben ungünstige Erfahrungen mit schwerer Krankheit oder Tod von Familienangehörigen oder Freunden gemacht.