Die Rückkehr mit dem Kind vorbereiten und meistern

Autor:  Iris Lein-Köhler, Erstellt am 28.11.2022, Zuletzt geändert: 28.11.2022 https://kinderkrebsinfo.de/doi/e262376

Es ist wichtig, dass Sie mit Ihrer Tochter/Ihrem Sohn darüber sprechen, wie die Rückkehr in Kindereinrichtung/Schule/Ausbildung/Beruf ablaufen kann und welche Erwartungen/Sorgen sie/ihn in diesem Zusammenhang bewegen. Bereiten Sie gemeinsam diesen wichtigen Schritt vor und versuchen Sie miteinander Wege zu finden, in kleinen Schritten voranzukommen.

Es kann hilfreich sein, vor dem regelmäßigen Besuch „Schnuppertage/-stunden“ zu vereinbaren, um die Schwelle niedrig zu halten und erste positive Erfahrungen und Begegnungen zu ermöglichen. Vielleicht kann so zwischen die mit der Rückkehr verbundenen Unsicherheiten auf allen Seiten und das „Wieder-da-sein“ ein Puffer eingebaut werden: Erste Reaktionen können Sie so in Ruhe mit Ihrer Tochter/Ihrem Sohn besprechen, passende Verhaltensweisen gemeinsam überlegen und offene Fragen miteinander und mit der Einrichtung klären.

Wenn es gelungen ist, mit einigen FreundInnen während der Behandlungszeit in Verbindung zu bleiben, werden diese „Vertrauten“ dazu beitragen, die Unsicherheiten beim Neuanfang schneller zu überwinden und Ihre Tochter/Ihren Sohn an die aktuelle Situation in der Kindergruppe/Klasse heranzuführen. Laden Sie diese Kinder zu sich nach Hause oder zu gemeinsamen Unternehmungen ein (und sprechen Sie im Vorfeld auch mit deren Eltern), damit Kontakte gefestigt werden, nachdem die Kinder über lange Zeit nur lose oder über die sozialen Medien in Verbindung standen.

Schulkinder beschäftigt häufig die Frage, wie die MitschülerInnen auf ihr verändertes Aussehen reagieren und mit welchen Fragen der Klasse sie möglicherweise konfrontiert sein werden. Besprechen Sie mit Ihrer Tochter/Ihrem Sohn, wie sie/er darauf reagieren möchte: ob sie/er überhaupt über seine Erkrankung Auskunft geben will und was sie/er antworten möchte auf Fragen wie:

  • Weshalb warst Du so lange nicht da?
  • Wieso darfst Du früher heimgehen?
  • Wieso hast Du keine Haare? Wachsen die wieder?
  • Wie war es im Krankenhaus? Was hast Du dort den ganzen Tag gemacht?
  • Bist Du jetzt wieder richtig gesund?
  • Kann die Krankheit wiederkommen?
  • Meine Oma ist an Krebs gestorben; wieso lebst Du noch?
  • Ist das ansteckend? Kann ich das auch bekommen?

Ihre Tochter/Ihr Sohn ist nach der langen Behandlungszeit Expertin/Experte für ihre/seine Erkrankung und hat vieles erlebt, was ihre/seine MitschülerInnen nicht kennen. Überlegen Sie gemeinsam, wie und worüber die anderen informiert werden sollen, beispielsweise

  • in einer Fragerunde (eventuell mit Personen aus der Klinik oder den Eltern)
  • mit Hilfe einer Präsentation: geeignete Materialien kann das Psychosoziale Team der Klinik bereitstellen oder hat das Kind im Verlauf der Therapie gesammelt
  • im Rahmen einer Unterrichtsstunde, wo das Thema „Krankheit und Krankenhaus“ sowieso behandelt wird

Wenn Ihre Tochter/Ihr Sohn hingegen „normal“ behandelt und möglichst wenig auf seine Erkrankung angesprochen werden will, können Sie gemeinsam überlegen, wie das umgesetzt werden könnte. Oft wollen die Kinder nicht mit ihrer Erkrankung im Mittelpunkt stehen und diese Art der Aufmerksamkeit kann ihnen peinlich sein. Trotzdem wird es sich nicht vermeiden lassen, dass die anderen (mehr oder weniger verständnisvoll) auf die Rückkehr reagieren. Reaktionsmöglichkeiten könnten sein:

  • von Anfang an sagen, was sich das Kind im Umgang wünscht: „Ich bin wieder da und froh, dass ich wieder gesund bin. Ich mag aber nicht weiter darüber reden.“
  • nur wer freundlich fragt, bekommt Antworten
  • nur den engsten Freunden etwas erzählen (Vorsicht: Gerüchteküche)
  • sich einen passenden Satz zurechtlegen, wie: „Danke, dass Du fragst, aber ich möchte darüber nicht sprechen.“
  • blöde Kommentare ignorieren und weggehen
  • sofort der Lehrerin/dem Lehrer und/oder den Eltern Bescheid geben, wenn etwas schlecht läuft (das ist kein Petzen, sondern Hilfe holen)

Ermutigen Sie Ihr Kind, sich an die Betreuungspersonen zu wenden, wenn es sich nicht wohl fühlt und erinnern Sie es daran, mit wie vielen „fremden“ Erwachsenen es während der Behandlungszeit in gutem Kontakt stand und wie es auch dort gelernt hat, sich mit Fragen und Anliegen an sie zu wenden.

Einige Kliniken unterstützen die Rückkehr in die Schule mit einem „Heimatschulbesuch“ durch MitarbeiterInnen des Behandlungsteams und/oder der Klinikschule. Diese gehen gemeinsam mit dem Kind in die Klasse und führen nach Rücksprache mit der Klassenleitung eine Unterrichtseinheit durch, in der die MitschülerInnen über die Erkrankung, die Zeit im Krankenhaus und die noch bestehenden Besonderheiten informiert werden. Dabei können eventuelle Fragen beantwortet werden und Ihre Tochter/Ihr Sohn wird bei ihrem/seinem ersten Schritt begleitet.

Vermitteln Sie Ihrer Tochter/Ihrem Sohn, dass die meisten SchülerInnen einfach nur neugierig sind oder helfen wollen. Die Aufregung wird sich legen und das Interesse nachlassen, wenn sie/er wieder regelmäßig anwesend ist.

Die Österreichische Kinder-Krebs-Hilfe hat in Eigenproduktion eine DVD zu diesem Thema erstellen lassen. Die DVD heißt "Wo war Patricia" und ist beziehbar über die Österreichische Kinder-Krebs-Hilfe: "Wo war Patricia?" Die Geschichte einer Krebserkrankung DVD

Manche Kinder und Jugendliche zögern die Rückkehr hinaus oder finden nach dem Start immer wieder Ausreden, die das Daheimbleiben ermöglichen sollen. Das weist in der Regel darauf hin, dass Ihre Tochter/Ihr Sohn mit dieser neuen Herausforderung zu kämpfen hat und die Wiedereingliederung Probleme macht: Sei es, dass der Anschluss an die Gruppe nicht so schnell gelingt, die Anstrengungen des Tages (noch) überfordernd erlebt werden oder Probleme beim Lernen auftreten. Suchen Sie dann baldmöglichst das Gespräch mit Ihrer Tochter/Ihrem Sohn, einerseits, um herauszufinden, wo sie/er selbst Schwierigkeiten sieht und kontaktieren Sie andererseits die Kindereinrichtung oder die Schule, um gemeinsam zu prüfen, welche Unterstützung noch zusätzlich nötig ist.

Um den Neustart zu erleichtern, empfiehlt es sich, auf die FreundInnen und KlassenkameradInnen zurückzugreifen, die während der Therapiezeit Kontakt zu Ihrer Tochter/Ihrem Sohn gehalten haben und deren Besuche zu ermöglichen. Im direkten Austausch kann Ihre Tochter/Ihr Sohn leichter den Anschluss an die aktuelle Situation bekommen, auch wenn manches traurig stimmt, weil sie/er nicht dabei sein konnte:

  • Welche neuen BetreuerInnen, LehrerInnen oder MitschülerInnen gibt es?
  • Wie haben sich die Cliquen verändert? Wer ist jetzt mit wem befreundet?
  • Was sind gerade die Themen untereinander?
  • Was hat die Gruppe inzwischen Besonderes erlebt?

Organisieren Sie in Zusammenarbeit mit der/dem ErzieherIn/KlassenlehrerIn einen ersten Besuch oder die Teilnahme an einer (schulischen) Veranstaltung (Ausflug, Fest, Aufführung, Konzert, Sportwettkampf), um die Schwelle zum regelmäßigen Kita- oder Schulbesuch zu senken. Ein erster, noch unverbindlicher Eindruck und ein herzliches Willkommen beim Wiedersehen nach langer Pause kann ermutigen und wieder Lust auf Normalität machen.

Wenn Sie eine langsame Eingewöhnung in die Kindereinrichtung oder eine schrittweise Wiedereingliederung in die Schule vereinbart haben, begleiten Sie diesen Prozess über einen längeren Zeitraum. Stellen Sie sich darauf ein, dass die Maßnahmen möglicherweise immer wieder angepasst werden müssen. Bleiben Sie mit Ihrer Tochter/Ihrem Sohn im Gespräch und pflegen Sie einen engen Austausch mit der Einrichtung.

Vielleicht stellen Sie nach den ersten Wochen beispielsweise fest, dass die Noten Ihres Kindes nicht so gut wie vor der Erkrankung sind: Dies kann für Sie und Ihr Kind zu Frustrationen führen, weil manches anders ist als früher und mehr Üben möglicherweise nicht den erhofften Erfolg bringt.

Wenn nicht von Anfang an geplant, fragen Sie nach Fördermaßnahmen oder Nachhilfe: Es ist wichtig, diese Probleme frühzeitig zu erkennen und passen Sie Tempo und Umfang der Wiedereingliederung in Rücksprache mit der Einrichtung entsprechend an:

  • Kindergartenkinder brauchen vielleicht eine Eingewöhnungsphase und Schulkinder sollten nach Möglichkeit erst einmal mit wenigen Unterrichtsstunden am Tag einsteigen.
  • Achten Sie darauf, wie erschöpft Ihre Tochter/Ihr Sohn nach Hause kommt, ob dann erst einmal eine Pause nötig ist und wie lange die Erholungsphase dauern sollte.
  • Beobachten Sie Ihre Tochter/Ihren Sohn bei den Hausaufgaben und der Vorbereitung auf Klassenarbeiten.
  • Achten Sie auf Belastungsgrenzen Ihrer Tochter/Ihres Sohnes und passen Sie die Dauer des Einrichtungsbesuchs in Absprache mit Kita oder Schule entsprechend an.
  • Sprechen Sie mit Kita oder Schule über die beobachteten Veränderungen und Ihre Bedenken, dass Ihre Tochter/Ihr Sohn überfordert wird oder sich selbst überfordert.