Geschwister brauchen Aufmerksamkeit

Autor:  Barbara Grießmeier, Iris Lein-Köhler, Erstellt am 10.08.2022, Zuletzt geändert: 10.08.2022 https://kinderkrebsinfo.de/doi/e261079

Trotz des möglichen Gewinns an Selbständigkeit brauchen die Geschwister kranker Kinder weiterhin die Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Wie schon während der Therapiezeit, wollen die meisten Geschwister nun verstärkt wieder „Einzelzeit“ mit Mutter oder Vater: Wann immer möglich, sollten sich die Eltern darauf einstellen.

Es gibt allerdings auch Kinder/Jugendliche, die die Zeit der Therapie ihrer kranken Schwester/ ihres kranken Bruders dadurch gemeistert haben, dass sie sehr viel Zeit mit digitalen Medien wie Filmen oder Computerspielen verbracht haben. Sie haben sich dadurch wie in einer Parallelwelt aufgehalten, in der es nur wenige Anforderungen an sie gab. Für solche Kinder/Jugendlichen ist es gar nicht so angenehm, wieder mehr in das Blickfeld ihrer Eltern zu rücken und sich neuen (alten) Regeln anzupassen.

Für viele Geschwister kranker Kinder sind während der Zeit der Therapie auch Betreuungs- und Ansprechpersonen außerhalb der eigenen Familie wichtig geworden: Neue Freundschaften oder auch Bindungen sind entstanden, Vertrauen zu anderen Erwachsenen oder zu Freunden ist neu gewachsen. Der Übergang von „Fremdbetreuung“ zu „mehr Zeit mit den Eltern“ sollte also nicht abrupt geschehen, sondern die Bedeutung dieser Beziehungen für die Kinder/Jugendlichen sollte mit einbezogen und gewürdigt werden.

Es wird nie möglich sein, die während der Therapie „versäumte“ Zeit wieder aufzuholen: Umso wichtiger ist es für die Geschwister, dass Mutter und Vater sich ehrlich und aktiv für die Bedürfnisse, Erlebnisse, Vorlieben und Erfahrungen der Geschwister interessieren und damit zeigen, dass sie genauso wichtig sind wie das kranke Kind.

Besonders wichtig ist es, dass sich Eltern für die Gefühle und Emotionen der Geschwister interessieren, diese wertschätzen und akzeptieren, ohne sie „wegzudiskutieren“. Es ist für die meisten Mütter und Väter schmerzlich, zu hören, dass Geschwister sich alleine gelassen gefühlt haben, Angst hatten oder es blöd fanden, ständig hin- und hergeschoben zu werden. Vielleicht waren sie manchmal wütend, wenn Verabredungen nicht eingehalten wurden.

Eltern müssen jetzt gemeinsam mit den Geschwistern erst wieder ruhige Zeiten und Situationen schaffen, in denen es möglich ist, das Erlebte aus Sicht der Geschwister anzusprechen und diese „unangenehmen Nebenwirkungen“ der Therapiezeit für die Geschwister nachzuarbeiten. Mit Sätzen wie „…aber Du musst doch verstehen…“, fühlen sich die Geschwister nicht richtig wahrgenommen – besser ist es, Verständnis auch für die Reaktionen und die Welt der Geschwister aufzubringen: „Es tut mir leid, dass ich so wenig Zeit für Dich hatte. Lass uns schauen, wie wir das jetzt wieder ändern können.“ Viele Eltern setzen sich immer wieder in Ruhe mit den Geschwistern zusammen und schaffen Raum für etwa noch offene Fragen zur Krankheit/Behandlung: Nicht alles konnte im Trubel der Behandlungszeit gut erklärt werden und manche Kinder finden vielleicht auch erst jetzt das Vertrauen, schwierige Fragen zu stellen.

Die meisten Eltern wünschen sich, dass die Geschwister die Zeit der Therapie schon „irgendwie“ gut überstanden haben und in vielen Fällen trifft dies auch zu. Manchmal kommt es allerdings vor, dass Geschwister nun plötzlich „Probleme machen“, indem sie beispielsweise ebenfalls über körperliche Symptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen klagen, Schwierigkeiten in der Schule haben oder sich anderweitig auffällig verhalten. In manchen Fällen kann es sein, dass Geschwister sich jetzt erst „trauen“, etwa schon länger vorhandene Schwierigkeiten den Eltern gegenüber auch zu zeigen – weil sie spüren, dass die Eltern nun für sie wieder ein offenes Ohr haben.

Oft ist es Geschwistern erst jetzt, wenn die Eltern wieder verfügbarer sind, möglich, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen und sich mit den Erfahrungen der vergangenen Zeit auseinanderzusetzen. Sie können sich dann unausgeglichener, ängstlicher oder wütender verhalten. Wenn Eltern solche Verhaltensweisen bei den gesunden Geschwistern beobachten, sollten sie das nicht einfach auf die leichte Schulter nehmen (beispielsweise mit Gedanken wie „sie/er will ja nur Aufmerksamkeit…“), sondern genau nachfragen und nachspüren, welche Schwierigkeiten dahinter verborgen sein könnten. Geschwister haben nach der langen Zeit der Zurücksetzung auch einen legitimen Anspruch auf die Aufmerksamkeit ihrer Eltern und der Wunsch danach ist ein gutes Zeichen dafür, dass die Kinder trotz allem weiter eine enge Beziehung zu ihren Eltern wollen und brauchen.

Körperliche Symptome etwa können verschiedene Ursachen haben: manchmal sind es „echte“ Kinderbeschwerden, manchmal „trauen“ sich die Kinder erst jetzt Beschwerden auch mitzuteilen aus Angst, selbst schwer krank zu sein. Viele Eltern sind selbst aufmerksamer als früher und vermuten auch bei den Geschwistern hinter leichten Symptomen gleich eine schwere Krankheit.

Wenn Geschwister nicht mehr in die Schule gehen wollen oder sich ihre Noten verschlechtern/verschlechtert haben, sollten Eltern das Gespräch mit den LehrerInnen suchen, um gemeinsam herauszufinden, welche Art der Unterstützung nötig ist.

Manche Geschwister kranker Kinder suchen auch auf andere Weise verstärkt die Aufmerksamkeit der Eltern – indem sie beispielsweise wieder mehr kuscheln wollen oder anderweitig Körperkontakt suchen. Vielleicht bitten sie plötzlich um Hilfe bei Tätigkeiten, die sie eigentlich alleine können. Einige versuchen auch, vermehrt Zuwendung zu bekommen, indem sie etwa in frühere Entwicklungsstufen zurückgehen und beispielsweise wieder aus dem Fläschchen trinken wollen. Wenn Eltern solche Verhaltensweisen beobachten, sollten sie versuchen, mit dem Kind gemeinsam zu überlegen, was ihm während der Zeit der Behandlung am meisten gefehlt hat und was es jetzt und heute von den Eltern braucht.