Fortbildungskonzept SICKO (Sicherheit in der Kinderonkologie)

Interprofessionelles Trainingskonzept für Mitarbeitende in der Kinderonkologie zur Erhöhung der Sicherheit und Behandlungsqualität von Kindern mit onkologischer Erkrankung.

Autor:  PD Dr. Lorenz Grigull, Birte Rodewald, Petra Tiroke, erstellt am 16.04.2015, Redaktion:  Julia Dobke, Zuletzt geändert:  05.01.2022

Die Sicko-Idee

Die Kinderonkologie ist aufgrund des breiten Spektrums an Erkrankungen, der gravierenden Einschnitte in das Leben der Betroffenen und ihren Familien und durch ein Höchstmaß an emotionalen Belastungen ein herausforderndes Arbeitsumfeld. Die Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten im Rahmen von Therapieoptimierungsstudien sind in den letzten Jahrzehnten für Kinder und Jugendliche deutlich verbessert worden. Dahinter stecken komplexe Therapien, die hohe und steigende Anforderungen für die pflegenden und ärztlichen Mitarbeiter:innen mit sich bringen. Neben der Verabreichung der Chemotherapie sind manuelle Fähigkeiten und präzise Kommunikation in einem multiprofessionellen Team erforderlich. Hierbei ist die Ausbildung im pflegerischen oder medizinischen Bereich nicht entsprechend angepasst worden.

Die Abläufe in der pädiatrischen Onkologie sind komplex und daher fehleranfällig (z.B. Verabreichung von Chemotherapie). Gleichzeitig muss den besonderen Bedürfnissen von Patienten und Eltern entsprochen werden. Mitarbeiter:innen in der Kinderonkologie tragen wesentlich zur Patientensicherheit bei und bestimmen mit ihrem Verhalten die (Kommunikations-)“Kultur”. Sie führen im Laufe ihrer Arbeitszeit unzählige Gespräche, meist ohne hierfür professionell geschult worden zu sein.
Die Kommunikation beginnt dabei mit der ersten Begrüßung im stationären Bereich, womit eine wichtige Weichenstellung für die sich anschließende monatelange Behandlungszeit erfolgt.
Des Weiteren müssen Chemotherapie-Protokolle, Medikamente und unerwünschte Wirkungen verständlich erklärt, ebenso Einwilligungen zu Transfusionen oder Randomisierungen eingeholt werden.

Im Rahmen des SICKO-Projektes wurde ein interprofessionelles Einarbeitungs- und Trainingskonzept in der Kinderonkologie der Medizinischen Hochschule entwickelt (Start November 2013), um Mitarbeitende aus Pflege und Ärzteschaft modular und interdisziplinär für die typischen Herausforderungen des Arbeitsfeldes „Kinderonkologie“ zu schulen.

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Sicko classic

“SICKO classic” wird als zweitägiger Workshop in Räumlichkeiten des Skills Lab der Medizinischen Hochschule Hannover bis zu dreimal jährlich angeboten.

An Tag 1 werden klassische “Hands-On”-Fertigkeiten, wie die Durchführung einer Lumbalpunktion und Knochenmarkpunktion an Dummies sowie die Versorgung implantierter Kathetersysteme thematisiert. Junge Kolleg:innen können die Abläufe stressfrei in geschützter Atmosphäre üben. Pflegenden bietet sich die Möglichkeit, in die (ärztliche!) Rolle der/des Punktierenden zu wechseln.

Dieser Perspektivenwechsel katalysiert ein besseres Verständnis der unterschiedlichen Belastungen der jeweiligen Berufsgruppen. Erfahrenere Mitarbeiter:innen können die Rolle als Anleitende trainieren und reflektieren. Jeder Rollentausch verbessert das Verständnis füreinander im multiprofessionellen Team. Bereichert werden die praktischen Übungen durch den methodisch gelenkten kollegialen Austausch.
Teilnehmende aus unterschiedlichen Kliniken haben (häufig erstmalig!) im multiprofessionellen Team die Möglichkeit und Zeit, über unterschiedliche Herangehensweisen bei gleichen Prozeduren zu berichten und zu erfahren. Ergänzt werden diese Diskussionen durch das SICKO-Team mit Ergänzungen aus aktuellen Leitlinien bzw. Empfehlungen der jeweiligen Fachgesellschaften.

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Abbildung 1: Die korrekte Durchführung einer Lumbalpunktion wird am Modell geübt. Bei korrekter Lage der Punktionsnadel wird Liquor aufgefangen.

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Abbildung 2: Übung zu einer "schwierigen" Visite

An Tag 2 werden klassische Notfallsituationen (z.B. Paravasat von Chemotherapie, Krampfanfall bei Sinusvenenthrombose) aus der Kinderonkologie in den Fokus gestellt. Diese werden im Rahmen von Simulationsszenarien aktiv “durchlaufen” und abschließend durch Video-gestützte Debriefing-Runden (Reflektion und Analyse) mit geschulter Begleitung gemeinsam analysiert.

Komplettiert wird der ganztägige Workshop-Tag mit der intensiven Beleuchtung des Überbringens schlechter Nachrichten (Breaking-Bad-News). Im klinischen Alltag müssen regelmäßig schlechte Nachrichten überbracht werden. In der Kinderonkologie sind dies – neben dem klassischen „Day 1 Talk“ auch ungünstige MRD-Ergebnisse oder histologische Befunde mit negativen Konsequenzen.
Selbst Verzögerung der Therapie oder ein Stationswechsel kann eine schlechte Nachricht für Betroffene bedeuten.
Leider gilt heute immer noch im deutschsprachigen Raum, dass nur die wenigsten klinischen Mitarbeiter:innen während ihrer Aus- oder Weiterbildung systematisch hierfür geschult werden. In gemeinsamen Rollenspiel-Herausforderungen und sich anschließender Video-Analyse werden daher im Rahmen der Workshops Erfahrungen gesammelt und mit dem Arbeitsalltag der Teilnehmenden abgeglichen. Für die Zeit nach dem Workshop werden alltagstaugliche Werkzeuge vermittelt, beleuchtet und diskutiert.

Zwischen den fachspezifischen Tagesordnungspunkten begleitet an beiden Tagen das Thema Crew Resource Management (CRM) die Teilnehmenden. Das Team erhält Einblicke in Human Factors, um soziale, kommunikative und psychologische Kompetenzen zu stärken. Dabei werden nicht-technische Fähigkeiten (soft skills) beleuchtet und durchlaufen die Workshop-Tage wie ein roter Faden. Aufbauend darauf lässt sich eine sicherere interprofessionelle Teamarbeit realisieren.

Sicko mobil

Mit “SICKO mobil” kommt der SICKO classic-Workshop, samt Tutor:innen-Team, auch in auswärtige Kliniken. Seit Juni 2016 richtet sich das Angebot von SICKO mobil an alle Kliniken mit pädiatrisch-onkologischen Betten, für die eine individuelle Veranstaltung in der eigenen Klinik oder im Klinikverbund interessant ist. Dieses Workshop-Angebot beinhaltet ebenso zwei Kurstage und durchläuft identische Inhalte (s.o.). Herausfordernd sind hier ungewohnte Räumlichkeiten und unvorhersehbare Teilnehmerzusammensetzungen und –erwartungen.

Sicko junior

Eine gemeinsame Ausbildung von Studierenden der Humanmedizin und Auszubildenden der Pflege wird in den Curricula der beiden Ausbildungs-/Studiengänge nicht abgebildet. Dabei erscheint es durchaus sinnvoll, bereits vor dem Start in das eigenverantwortliche Berufsleben jungen Kolleg:innen einen interprofessionellen Rahmen für Austausch und gemeinsames Arbeiten zu ermöglichen.
Daher fand im Winter 2018 der erste SICKO junior-Workshop in der MHH statt, an dem je sechs Auszubildende der Pflege (3. Lehrjahr) und sechs Studierende der Humanmedizin (4./5. Studienjahr) gemeinsam teilnahmen.

Der eintägige Workshop bietet die Möglichkeit, die später erforderlichen Fertigkeiten aus dem Fachbereich pädiatrische Onkologie (z.B. LP, KMP) gemeinsam am Modell zu trainieren. So sollte Sicherheit vor dem Einsatz am Patienten vermittelt werden. Es gilt das Motto, dass praktische Fertigkeiten im geschützten Rahmen geübt und Abläufe vertieft werden.
Ähnlich wie bei Fahranfänger:innen oder Pilot:innen in der Ausbildung gilt bei SICKO junior, dass zunächst am Dummy geübt wird, bevor echte Patient:innen einbezogen werden. Das schafft Sicherheit und ein gutes Gefühl, besonders aber auch wird der Sinn dafür geschärft, dass Kinderonkologie nur in einem guten Team von Pflegenden und Ärzt:innen gelingen kann.
Neben technischen Fertigkeiten werden klassische Herausforderungen der täglichen stationären Arbeit gemeinsam in Rollenspielen (Kleingruppen á 3-4 Personen) erfahren und diskutiert. Die schwierige Visite, das vertauschte Medikament oder die Übernahme eines Patienten unter schwierigen Bedingungen sind nur einige Beispiele, die bei SICKO junior simuliert werden, um für den Alltag zu rüsten.

Zukunftsvision

Corona und ebenso begrenzte personelle Ressourcen in den Kinderonkologien bedeuteten notwendige Anpassungen für moderne Fort- und Weiterbildungen für Mitarbeitende der Kinderonkologie. SICKO-Inhalte sollen zukünftig unabhängiger von Zeit, Ort und Personen nutzbar werden.
Die Entwicklung von digitalen SICKO-Konzepten ist daher pilotisiert und erfolgreich geprobt worden. Hierfür wurde eine einzigartige Lern-App mit onkologischen Fallszenarien („Onkogotchi“) entwickelt und im blended-learning Format in Workshops eingesetzt. Moderne, digitale Lern-Management-Systeme (LMS) stehen hierfür zur Verfügung.
Damit zukünftig die Rolle von Multiplikatoren noch besser gestärkt wird und jede Klinik eigene Lernszenarien leicht umsetzen kann, entwickelt SICKO in der aktuellen Förderperiode ein „Train the Trainer“-Konzept. So wird Kliniken mit pädiatrisch-onkologischer Versorgung die Möglichkeit eröffnet, eigene Mitarbeiter:innen zu SICKO Trainern ausbilden zu lassen und mit dem notwendigen Know How („Methoden- und Werkzeugkoffer“) zukünftig eigenständig ganze Workshop-Tage oder einzelne Workshop-Elemente in ihrer (Heimat-) Klinik durchführen zu können.

Zusammenfassung

Die Arbeit mit onkologisch erkrankten Kindern und ihren Familien ist eine erfüllende und anspruchsvolle Herausforderung, die vielfältige Kompetenzen im interprofessionellen Team erfordert. Um diesen Arbeitsbereich für neue und erfahrene Mitarbeiter:innen sicherer und attraktiv zu gestalten, besteht Bedarf, Pflegende und Ärzt:innen gezielt für den herausfordernden Arbeitsplatz „Kinderonkologie“ vorzubereiten und regelmäßig gemeinsam zu trainieren.
Hierfür entwickelten wir ein Workshopkonzept, welches Teilnehmende aus der Pflege und dem ärztlichen Bereich gemeinsam mit theoretischen und praktischen Fähigkeiten ausrüstet. Das Konzept steht nicht im Widerspruch zu bestehenden Einarbeitungskonzepten, sondern bietet darüber hinaus Gelegenheit für den multiprofessionellen Austausch.

Über 510 Pflegende und Mediziner:innen sowie Pflegeauszubildende und Student:innen der Humanmedizin aus 18 verschiedenen deutschen Kliniken haben bislang an den Workshops von SICKO in Hannover und 5 auswärtigen Standorten (Essen, Kassel, Greifswald, Erlangen, Stuttgart) teilgenommen. Alle Teilnehmenden empfehlen das Konzept weiter und unterstreichen den positiven Einfluss der gewonnenen Erkenntnisse für den eigenen Arbeitsalltag.

Die initiale Finanzierung (2014-2017) des Projektes erfolgte durch den Elternverein für krebskranke Kinder Hannover e.V. Seit 2018 wird SICKO von der Deutschen Leukämie Forschungshilfe (DLFH) gefördert.

Kontakt

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Medizinische Hochschule Hannover
SICKO - Sicherheit in der Kinderonkologie
Petra Tiroke
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover
0511 – 532 9477
sicko@mh-hannover.de
www.sicko-mhh.de