Spätfolgen der Chemo- und Strahlentherapie (Schädelbestrahlung)

Autor:  Maria Yiallouros, Erstellt am 28.05.2020, Zuletzt geändert: 28.05.2020 https://kinderkrebsinfo.de/doi/e15818

Erhöhtes Risiko für Zweitkrebserkrankungen

Das Risiko, zu einem späteren Zeitpunkt an einem zweiten bösartigen Tumor zu erkranken, ist erhöht, insbesondere dann, wenn zusätzlich zur Chemotherapie eine Bestrahlung des Schädels erfolgt. Eine zweite Krebserkrankung, die nicht identisch ist mit der ersten, wird als "sekundäre maligne Neoplasie" (SMN) bezeichnet. Langzeitbeobachtungen zeigen, dass sich das Risiko für ein solches Sekundärmalignom zehn Jahre nach erfolgreicher Behandlung eines NHL auf etwa 2,1 %, nach zwanzig Jahren auf etwa 4,8 % beläuft [LEU2001a].

Zweitkrebserkrankungen nach einer Chemotherapie sind zum Beispiel akute myeloische Leukämien (AML). Solide Tumoren (zum Beispiel Tumoren des Zentralnervensystems) werden vor allem durch die Strahlentherapie ausgelöst. Während Zweitkrebserkrankungen nach Chemotherapie sich in der Regel innerhalb der ersten fünf Jahre nach der Behandlung bemerkbar machen, können strahlentherapiebedingte Zweittumoren noch nach über Jahren auftreten [KLE2003a] [HEN2014] [KAA2009] [KAA2009a] [KLE2002] [LAN2002b].

Wichtig: Um möglicherweise sich entwickelnde Zweitkrebserkrankungen schnellstmöglich festzustellen zu können, wird die Einhaltung regelmäßiger Nachsorgeuntersuchungen über viele Jahre nach Therapieabschluss dringend empfohlen.

Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit

Einige der Zytostatika, die bei der Behandlung eines NHL eingesetzt werden, haben eine schädigende Wirkung auf Spermien und Eizellen [BOR2015‎] [DEN2014] [REI2013b] [SCH2013b]. Eine Standard-Chemotherapie (nicht Stammzelltransplantation) hat jedoch selten langfristige Auswirkungen auf die Fortpflanzungsfähigkeit. Nichtsdestotrotz kann es bei manchen Patienten Monate, manchmal auch Jahre dauern, bis die Keimdrüsen der Fortpflanzungsorgane nach Abschluss der Behandlung wieder ihre normale Funktion aufnehmen.

Im Allgemeinen sind die Keimzellen von Jungen gefährdeter als die von Mädchen. Dies hängt damit zusammen, dass bei Mädchen bereits bei Geburt alle Eizellen vorhanden sind und sich nicht mehr teilen, während bei Jungen die Spermien mit Eintritt der Pubertät ständig neu produziert werden und dadurch empfindlicher auf äußere Einflüsse reagieren. Eine Bestrahlung des Schädels kann durch die mögliche Beeinträchtigung der Hormondrüsen im Gehirn (Hypothalamus, Hypophyse) die Fruchtbarkeit ebenfalls beeinträchtigen. Denn diese Hormondrüsen schütten Geschlechtshormone aus, die die Funktion der Keimdrüsen und somit die Keimzellbildung maßgeblich regulieren [BOR2015‎] [DEN2014] [REI2013b] [SCH2013b].

Erfolgt die Schädelbestrahlung bei Kindern nach Eintreten der Pubertät, kann zum Beispiel die Regelblutung (Menstruation) ausbleiben. Eine Behandlung vor oder zu Beginn der Pubertät kann unter anderem zu einer verzögerten oder ausbleibenden Geschlechtsentwicklung führen. Die behandelnden Ärzte achten in diesen Fällen im Rahmen regelmäßiger Nachsorgeuntersuchungen besonders auf den rechtzeitigen und ungestörten Eintritt der Geschlechtsreife, um die betroffenen Kinder bei Bedarf mit Hormonen behandeln zu können. Ausführliche Informationen zu möglichen Spätfolgen an Fortpflanzungsorganen infolge einer Krebstherapie finden Sie hier.

Prinzipiell scheinen Chemo- wie auch Strahlentherapie vor Eintritt der Pubertät weniger schädigend zu sein als nach Eintritt der Pubertät [BOR2015‎] [REI2013b]. Letztlich lässt sich jedoch im Einzelfall keine Vorhersage treffen, ob ein Patient unfruchtbar wird oder nicht.

Gut zu wissen:

Für Jungen nach Eintritt der Pubertät besteht unter Umständen vor Therapiebeginn die Möglichkeit, Spermien zu sammeln und einzufrieren (so genannte Kryokonservierung). Der behandelnde Arzt kann Sie über die vor Ort verfügbaren Möglichkeiten informieren. Es kann allerdings sein, dass die Notwendigkeit eines raschen Therapiebeginns keine Zeit für entsprechende Maßnahmen lässt.

Für weibliche Patienten haben sich in den letzten Jahren ebenfalls neue Möglichkeiten eröffnet, die Fruchtbarkeit zu erhalten beziehungsweise Schwangerschaften nach Abschluss einer Chemo- oder Strahlentherapie zu ermöglichen. Die meisten dieser Methoden befinden sich derzeit allerdings noch in der Entwicklung und müssen deshalb als experimentell angesehen werden.

Für Kinder vor Eintritt der Pubertät stehen zurzeit noch keine geeigneten Maßnahmen zur Erhaltung der Fruchtbarkeit zur Verfügung [BOR2015‎] [HEL2005].

Allgemeine Informationen zu den möglichen Auswirkungen der Krebstherapie auf die Fruchtbarkeit und zu Möglichkeiten der Vorbeugung und Behandlung erhalten Sie in unserer Patienteninformation „Spätfolgen für die Fortpflanzungsorgane“.

Weitere Informationen zu Möglichkeiten der Fruchtbarkeitserhaltung bei Leukämiepatienten finden Sie im Informationsportal des Kompetenznetzes Leukämien (siehe hier) und bei FertiPROTECT, dem Deutschen Netzwerk für fertilitätsprotektive Maßnahmen bei Chemo- und Strahlentherapie. Bitte beachten Sie auch die Broschüren für Jungen und Mädchen, die bei der Berliner Krebsgesellschaft bestellt werden können (hier). Die Broschüren werden auch auf unseren Seiten vorgestellt.

Weitere mögliche Spätfolgen

  • Als Spätfolge bestimmter hoch dosierter Zytostatika (zum Beispiel Doxorubicin, Daunorubicin, Cyclophosphamid) können verschiedene Störungen der Herzfunktion resultieren.
  • Auch eine Beeinträchtigung der Nieren- und Leberfunktion ist möglich.
  • Manche Krebsmedikamente (zum Beispiel Prednison und Dexamethason) können durch eine knochenzerstörende Wirkung (aseptische Knochennekrose) zu Gelenkfunktionsstörungen führen, die mit Bewegungseinschränkungen und Schmerzen verbunden sein können. In seltenen Fällen kann hierdurch ein künstlicher Gelenkersatz notwendig werden.
  • Durch eine Schädelbestrahlung kann gelegentlich die Produktion von Wachstumshormonen sowie anderen Hormonen der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) eingeschränkt sein [DEN2014] [LAN2011] [SCH2013b]. Zu letzteren gehören auch Hormone, die die Bildung der Sexualhormone steuern. Daraus können Wachstums- und Entwicklungsstörungen resultieren (siehe auch Abschnitt zur Fruchtbarkeit oben).
  • Die Bestrahlung des Kopfes kann auch intellektuelle Leistungen wie Konzentration und Aufmerksamkeit, Merk- und Lernfähigkeit beeinträchtigen. Im Alltagsleben sind jedoch die meisten Patienten in der Lage, durch individuelle Kompensationsmechanismen und gezielte Förderung eine für sie gute Lebens- und Leistungsqualität zu erreichen [CAL2003] [LAN2002c].
  • Bestrahlungen im Hals- und Gesichtsbereich können eine Schilddrüsenfunktionsstörung auslösen [BOE2011] [DEN2014] [LAN2011] [SCH2013b].