Reaktionen der Geschwister

Autor:  Barbara Grießmeier, Iris Lein-Köhler, Erstellt am 29.11.2021, Zuletzt geändert: 29.11.2021 https://kinderkrebsinfo.de/doi/e232441

Auch wenn für alle Familienmitglieder eines krebskranken Kindes der Behandlungsbeginn eine massive Veränderung des bisherigen Alltags bedeutet, so trifft dies auf die Geschwister in ganz besonderem Maße zu. Vereinfacht gesagt, hat das kranke Kind bei diesen Veränderungen so gut wie immer Mutter oder Vater an seiner Seite – Geschwister müssen die neue Situation jedoch häufig alleine beziehungsweise mit wechselnden Bezugspersonen meistern. Die gewohnten Routinen und Abläufe der Familie, die allen Kindern Halt und Sicherheit bieten, werden von einem Tag auf den anderen außer Kraft gesetzt oder können nur teilweise aufrechterhalten werden.

Der kranke Bruder oder die kranke Schwester „verschwinden“ immer wieder in der Klinik und in vielen Fällen sind jüngere Geschwister dort als Besucher nicht erlaubt. Manchmal sind die gesunden Geschwister nur unzureichend über die Krankheit und/oder die notwendige Behandlung informiert – oft deshalb, weil Eltern glauben, die Kinder vor diesen Dingen schützen zu sollen. Jedoch nehmen auch jüngere Kinder sehr wohl die Anspannung und Sorge der Eltern wahr, auch wenn diese nicht direkt mit ihnen über die Krankheit sprechen.

Die Geschwister entwickeln dann Ängste und Fantasien, die oft wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben. Es ist sehr wichtig, dass Eltern auch mit den Geschwistern altersgerecht über die Krankheit und die Behandlung ihres kranken Bruders oder ihrer Schwester sprechen und die Veränderungen erklären, die in den nächsten Monaten auf die Familie zukommen. Die MitarbeiterInnen des Psychosozialen Teams beraten Sie gerne und stellen geeignete Materialien zur Verfügung, die Ihnen für den Umgang mit den Geschwistern hilfreich sein können.

Auch wenn viele Eltern zu Beginn der Behandlung versuchen, ihre Aufmerksamkeit gleichmäßig auf alle Kinder zu verteilen, so lässt sich dies doch in der Praxis nicht durchhalten. Die gesunden Geschwister müssen immer wieder zurückstecken und ihre Wünsche und Bedürfnisse werden oft entweder nur teilweise wahrgenommen oder auf „später“ verschoben, da die Notwendigkeiten der Behandlung des kranken Kindes immer an erster Stelle kommen. So kann es sein, dass sich Geschwister krebskranker Kinder zurückgesetzt, ungeliebt, hilflos und einsam fühlen. Manche fühlen sich auch schuldig und fürchten, beispielsweise durch frühere Streitsituationen etwas zur Krankheit des Bruders oder der Schwester beigetragen zu haben. Andere Geschwister wollen ganz viel helfen und unterstützen, und überfordern sich dabei selbst.

Die größte Herausforderung für alle Geschwister ist sicher die Betreuung durch wechselnde Bezugspersonen wie Verwandte, Freunde oder Nachbarn, sowie die Unplanbarkeit der nächsten Wochen und Monate. Versprochene Zeiten mit Mutter oder Vater werden immer wieder verschoben, geplante Unternehmungen fallen aus und von Geschwistern wird vermehrt Selbständigkeit erwartet. Ihre Rolle innerhalb der Familie wird sich verändern und sie werden sehr viel mehr Verantwortung übernehmen. Es bietet sich an, Exklusivzeit mit den Bezugspersonen in ambulanten Phasen der Behandlung einzuplanen und Versprechen auch zu halten.

Auch Geschwister machen sich Sorgen um den kranken Bruder oder die Schwester, manchmal verbunden mit der Angst, vielleicht selbst erkranken zu können. Geschwister können neidisch werden auf die vielen Geschenke und die Aufmerksamkeit, die das kranke Kind erhält und versuchen manchmal, beispielsweise durch eigene Krankheitssymptome, wie Bauchschmerzen oder auffälliges Verhalten, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.

Trotz der Vielzahl an Belastungen kommen die meisten Geschwister krebskranker Kinder während der Behandlungszeit aber recht gut zurecht. Sie passen sich den neuen Anforderungen an, sind vielleicht auch stolz auf die neuen Aufgaben, die sie innerhalb der Familie übernehmen und froh, wenn auch sie einen Beitrag zur Bewältigung der Situation leisten können. Geschwister wachsen an der Verantwortung, die ihnen übertragen wird, gewinnen neue soziale Kompetenzen und wollen oft die Eltern entlasten statt zusätzlich belasten.