Typische Reaktionen der Eltern

Autor:  Barbara Grießmeier, Iris Lein-Köhler, Erstellt am 29.11.2021, Zuletzt geändert: 07.03.2022 https://kinderkrebsinfo.de/doi/e232432

Der Beginn der Behandlung eines an Krebs erkrankten Kindes oder Jugendlichen bedeutet für alle Eltern eine große Herausforderung bei der Neuorganisation des familiären Alltags, der Rund-um-die Uhr-Betreuung ihres Kindes und der Übernahme ungewohnter Verantwortungsbereiche.

In erster Linie müssen Sie nun dafür sorgen, dass alle Behandlungsschritte auch durchgeführt werden können: Das heißt, Sie bringen Ihre Tochter/Ihren Sohn zu Terminen in die Klinik und stellen sicher, dass ein Erwachsener ständig zu ihrer oder seiner Betreuung und Beaufsichtigung zur Verfügung steht. Dies bedeutet, dass Sie Regelungen für Ihren Arbeitsplatz finden, ungeplante Fahrten zur Klinik jederzeit möglich machen und die Betreuung von Geschwistern sicherstellen sollten. Sie werden sich darauf einstellen, dass der familiäre Alltag in den nächsten Monaten kaum planbar sein wird und die Behandlungstermine Ihres kranken Kindes und dessen aktueller Gesundheitszustand das Leben Ihrer Familie hauptsächlich bestimmen werden.

Sie werden auch damit betraut, pflegerische Aufgaben bei ihrem Kind wahrzunehmen und in der häuslichen Umgebung die Verantwortung für den richtigen Umgang mit beispielsweise plötzlich auftretenden Symptomen zu übernehmen. Dabei werden Sie damit konfrontiert, dass in den nächsten Monaten nicht mehr Sie selbst, sondern der Therapieplan beziehungsweise Ärztinnen und Ärzte über wesentliche Aspekte des Lebens Ihres Kindes und Ihrer gesamten Familie entscheiden.

Diese hohen Anforderungen können dazu führen, dass Mütter und Väter wenig Schlaf und Erholung für sich selbst finden. Der ständige Zeitmangel kann die Möglichkeit sozialer Kontakte stark einschränken, Erholung scheint oft nur schwer möglich. Die Bedürfnisse aller Familienmitglieder müssen daher ständig neu ausbalanciert werden und Frustration ist nicht immer vermeidbar.

Sie werden erleben, dass Sie sich angesichts des körperlichen und seelischen Leids ihres Kindes immer wieder hilflos und ausgeliefert fühlen. Neue Kontakte und manchmal auch Freundschaften zu anderen Familien auf der Station werden zwar meist als hilfreich erlebt; das Miterleben ungünstiger Krankheitsverläufe anderer Kinder kann aber auch zu einer zusätzlichen Belastung werden.

Sie lernen, sich auf neue Art und Weise in Ihr krankes Kind einzufühlen und es immer wieder zu motivieren, teilweise unangenehme und manchmal auch schmerzhafte Maßnahmen auf sich zu nehmen. Kinder drücken ihre Gefühle oft auf sehr direkte Art und Weise aus und Eltern müssen mit manchmal starken Stimmungsschwankungen ihrer Kinder zurechtkommen, ohne diese beeinflussen zu können. Hier ist es wichtig, dass Sie trotz der schweren Erkrankung Ihrer Tochter/Ihres Sohnes eine klare Erziehungshaltung beibehalten und Ihr Kind nicht übermäßig verwöhnen, beispielsweise mit Geschenken überhäufen.

Chronischer Stress, die Angst vor der Unheilbarkeit der Erkrankung und die Missachtung eigener Bedürfnisse können sich negativ auf die eigene Gesundheit auswirken, da viele Eltern ihre eigenen Bedürfnisse zurück stellen und nicht mehr gut auf sich selbst achten. In der Partnerschaft kann es zu Unverständnis und Kommunikationsproblemen kommen. Der Umgang mit Schuldgefühlen und Scham kann zwischen Müttern und Vätern ein wichtiges Thema sein.

Sie dürfen in dieser Krisensituation lernen, Unterstützung von außen anzunehmen, um die unterschiedlichen Belastungen meistern zu können. Viele Eltern erleben auch ungeahnte Solidarität und berichten davon, dass sich ihr Blick auf das eigene Leben, auf Werte und Notwendigkeiten in positiver Weise verändert und vieles neu wertgeschätzt werden kann, das früher als selbstverständlich genommen wurde.