Reaktionen der Kinder und Jugendlichen

Autor:  Barabara Grießmeier, Iris Lein-köhler, Erstellt am 29.08.2022, Zuletzt geändert: 21.09.2022 https://kinderkrebsinfo.de/doi/e256119

Alle Kinder und Jugendlichen sehnen den Tag herbei, an dem die Therapie abgeschlossen ist und sie sich wieder ihrem normalen Leben zuwenden können. Die meisten der jungen PatientInnen bemerken dann jedoch, dass sie nicht einfach an dem Punkt „weitermachen“ können, an dem sie vor der Erkrankung aufgehört haben: Ein einfacher „Reset“ funktioniert nur in seltenen Fällen.

Auf der einen Seite sind da die körperlichen Folgen der langen Therapie, von denen die Kinder sich erst erholen müssen – wie beispielsweise Abbau von Muskelmasse, Gewichtsverlust, Probleme beim Essen, verringerte Belastbarkeit und Ausdauer oder verändertes Aussehen. Manche Kinder leiden auch unter vorübergehenden oder bleibenden Einschränkungen oder Behandlungsfolgen wie Problemen mit der Mobilität, Rollstuhlpflichtigkeit, Osteonekrosen oder Behinderungen.

Auf der anderen Seite verlieren die jungen PatientInnen zum Ende der Therapie mit der Klinik auch eine Art „Schutzraum“, in dem sie bisher ihre Krankheit, ihre Situation und/oder ihr Aussehen nicht erklären mussten, sondern jede/r wusste, worum es geht. Im Kontakt mit FreundInnen und KlassenkameradInnen fällt diese Sicherheit weg. Die Kinder/Jugendlichen müssen sich „erklären“ und auch mit der einen oder anderen verständnislosen Reaktion umgehen lernen.

Bei manchen Diagnosen (wie beispielsweise Leukämie) folgt auf die intensive Phase der Chemotherapie noch eine ambulante Dauertherapie/Erhaltungschemotherapie mit weiterhin regelmäßigen Terminen in der kinderonkologischen Ambulanz. Für alle PatientInnen stehen noch über Jahre regelmäßige Kontrolluntersuchungen in der Nachsorgeambulanz an.

In manchen Fällen stellen Eltern (oder auch die Kinder selbst) fest, dass beispielsweise Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Konzentration nicht mehr so gut funktionieren wie früher. Manchmal müssen versäumte Lerninhalte aufgeholt werden und es kann zu Klassenwiederholungen oder Schulwechseln kommen.

Viele Kinder waren lange Zeit von sozialen Kontakten weitgehend isoliert und brauchen Zeit, um sich wieder neu zu orientieren: Das „Leben draußen“ ist weitergegangen, sie haben Einiges verpasst. Klinik und Zuhause waren ein „geschützter Raum“: Im Alltag mit Geschwistern und Gleichaltrigen geht es nun oft wieder lauter, wilder und schneller zu.

Nach dem Ende der intensiven Therapie lernen die meisten Kinder und Jugendlichen erst langsam, ihre „Sonderrolle als krebskrankes Kind“ aufzugeben und fühlen sich erst mit der Zeit wieder den Anforderungen des normalen Alltags gewachsen. Sie erfahren oft an den Reaktionen ihres Umfelds, dass sie sich zwar selbst als weitgehend unverändert und „normal“ erleben, von anderen aber nicht unbedingt auch so gesehen oder wahrgenommen werden. So kann es einerseits leicht zu Unterforderung kommen (weil die anderen das kranke Kind schützen und schonen wollen), manchmal werden die Kinder aber auch überfordert, weil beispielsweise LehrerInnen vermitteln, dass doch jetzt „alles wieder gut ist“ und einfach Leistung einfordern.

Es ist oft nicht ganz einfach, die richtige Balance zwischen langsamem Aufbau der körperlichen Kräfte und Akzeptanz der eigenen Grenzen zu finden. Trotzdem sollte die Stärkung der körperlichen und seelischen Widerstandkräfte nun ganz im Vordergrund stehen. Einen „Kick“ kann dafür eine Rehabilitationsmaßnahme geben und diese Möglichkeit sollte von Familien (familienorientierte Reha) und Jugendlichen (Reha für Jugendliche und junge Erwachsene) unbedingt wahrgenommen werden.

Neben der Verarbeitung möglicher traumatischer Erfahrungen und dem Umgang mit Funktionseinschränkungen oder Behinderungen stehen jetzt die Entwicklung von Autonomie und Selbstvertrauen, die Ablösung von der engen Bindung an die Eltern und der Wiederaufbau sozialer Beziehungen im Vordergrund. Dabei wird oft deutlich, dass die (jetzt ehemaligen kranken Kinder) auch einen deutlichen inneren Reifungsschritt gemacht haben und eine gewisse Distanz zu Gleichaltrigen erleben: So können sie beispielsweise eher „banale“ Probleme (wie den Umgang mit Pickeln) so gar nicht nachvollziehen. Gleichzeitig konnten sie bestimmte andere altersspezifische Erfahrungen nicht machen und müssen diese nachholen: Dies betrifft etwa das Austesten der eigenen Grenzen, die Abgrenzung von den Eltern, Schritte in Richtung Selbständigkeit oder schlicht auch die motorische Entwicklung.

Manchen, vor allem jüngeren Kindern, gelingt dieser Prozess des Übergangs vom kranken zum genesenen Kind leicht; in anderen Fällen können auch erhebliche Selbstwertprobleme bei krankheitsbedingten Beeinträchtigungen entstanden sein, die die Wiedereingliederung in Kindergarten und Schule erschweren können. Gelegentlich machen sich auch deutliche Ängste vor einem Rezidiv bemerkbar, in seltenen Fällen auch psychische Störungen, die einer psychotherapeutischen Behandlung bedürfen.

Trotz dieser gelegentlichen Schwierigkeiten gelingt es den meisten Kindern und Jugendlichen gut, den Übergang in die Normalität zu meistern – auch wenn die Erfahrung einer lebensbedrohlichen Erkrankung und die Erlebnisse der Therapie erst nach einer geraumen Zeit in die eigene Lebensgeschichte integriert werden und sich in der Nachsorgezeit Fragen und Probleme ergeben können, die mit der zurückliegenden Erkrankung in Zusammenhang stehen (Unfruchtbarkeit, Wachstumsstörungen, geringere Belastbarkeit).

Der Zeitpunkt und die Intensität der Auseinandersetzung mit der Erkrankung und ihren Folgen kann individuell sehr unterschiedlich sein: Manchmal beschäftigen sich beispielsweise Jugendliche, die eine Krebserkrankung im Kindesalter überlebt haben, erst viel später im Leben damit.