Reaktionen der Geschwister

Autor:  Barabara Grießmeier, Iris Lein-köhler, Erstellt am 29.08.2022, Zuletzt geändert: 21.09.2022 https://kinderkrebsinfo.de/doi/e256151

Wenn die Behandlung eines an Krebs erkrankten Kindes/Jugendlichen beendet ist, beginnt für viele Geschwister zunächst eine Zeit der Unsicherheit: Auf der einen Seite ist da die Freude darüber, dass die Eltern nun endlich wieder mehr Zeit zu Hause in der Familie verbringen können und auch der kranke Bruder/die kranke Schwester wieder regelmäßig zu Hause ist; auf der anderen Seite wird jedoch schnell deutlich, dass das Leben eben nicht einfach wieder so „normal“ wie vor der Erkrankung ist.

Geschwister erleben, dass der kranke Bruder oder die kranke Schwester zunächst noch nicht wieder so belastbar ist wie früher, vielleicht schneller müde wird und sich in manchen Bereichen stark verändert hat. Die Krankheit und ihre Behandlung waren ja nicht nur auf der körperlichen Ebene anstrengend, sondern die vielen Erlebnisse müssen auch auf der emotionalen Ebene verarbeitet werden. Trotzdem werden sich die Beziehungen zwischen den Geschwistern meistens bald wieder normalisieren und eigene Bedürfnisse und Interessen der Geschwister dürfen wieder mehr Raum bekommen. Manchmal braucht es dafür auch den einen oder anderen Streit, in dem die Kinder ihren Umgang miteinander wieder neu „aushandeln“.

Besonders schwierig für die gesunden Geschwister ist es, wenn sich die kranke Schwester oder der kranke Bruder äußerlich oder vom Verhalten her stark verändert hat, wie dies beispielsweise bei Hirntumoren der Fall sein kann. Je nach Alter der Geschwister ist es nicht leicht, hier die richtige Balance zwischen Schonung und Herausforderungen zu finden und manchmal entsteht eine große Enttäuschung darüber, dass sich eben nicht alles „wie früher“ normalisieren kann.

Der Alltag mit einer/einem körperlich oder kognitiv beeinträchtigten Schwester/Bruder bringt möglicherweise bleibende Schwierigkeiten im Familienalltag mit sich, die bei den Geschwistern auch Trauer und Wut auslösen können. Solche Veränderungen des kranken Bruders oder der kranken Schwester werden oft als Verlust wahrgenommen, der betrauert und verarbeitet werden muss. Die Hoffnung und Möglichkeit für Geschwister, nun (endlich) selbst wieder mehr Aufmerksamkeit der Eltern zu bekommen, kann so in weite Ferne rücken und Geschwister fragen sich: „Wann bin ich mal dran?“

Gelegentlich entwickeln Geschwister nach dem Ende der Therapie ihrer Schwester/ihres Bruders auch eigene körperliche/psychische Symptome oder Verhaltensauffälligkeiten, die der Aufmerksamkeit der Eltern bedürfen. Die lange Zeit, in der sie oft Rücksicht nehmen und zurückstecken mussten, kann manchmal zu einem Wunsch nach „Wiedergutmachung“ führen und es ist dann oft nicht leicht für die Eltern, hier einen Ausgleich zu finden. Bei manchen Geschwistern können sich auch intensive Gefühle von Eifersucht, Angst oder Schuld bemerkbar machen oder sich Probleme in der Schule einstellen (durchaus auch noch deutlich zeitverzögert).

Viele Geschwister eines an Krebs erkrankten Kindes/Jugendlichen haben während der Behandlungszeit aber auch große Schritte in Richtung Eigenverantwortung und Selbständigkeit gemacht. Je nach Alter konnten sie teilweise auch erheblich zur Entlastung der Eltern beitragen und so wichtige Reifungsprozesse durchlaufen.

Eltern sollten den Geschwistern krebskranker Kinder nach dem Ende der Behandlungszeit zugestehen, dass auch sie Zeit brauchen, sich an die Veränderungen der neuen Situation anzupassen.