Empfehlungen und Richtlinien zum Umgang mit Schmerzen bei krebskranken Kindern und Jugendlichen in der Palliativversorgung

Autor:  PD Dr. med. Gesche Tallen, Erstellt am 16.06.2016, Zuletzt geändert: 26.08.2020 https://kinderkrebsinfo.de/doi/e172600

Alters- und situationsgerechte Erfassung, Messung und Dokumentation von Schmerzen

Für die tägliche Arbeit stehen dem Palliativteam in der Regel standardisierte Dokumentationsbögen zur Schmerzerfassung zur Verfügung. Bei aller Fachkompetenz im Behandlungsteam bleiben letztlich aber doch die Kinder und Jugendlichen selbst die größten Experten ihrer eigenen Schmerzen. Deshalb müssen sie auch als solche akzeptiert werden. Schmerzen sollten also einerseits von den Angehörigen und vom Palliativteam, andererseits aber auch, sofern möglich, vom Patienten selbst gemessen und dokumentiert werden. Dabei können folgende Angewohnheiten hilfreich sein:

Aufzeichnungen im Schmerztagebuch

Dies ist eine Möglichkeit für die Patienten, allein oder mit ihren Eltern, die Stärke und Art ihrer Schmerzen täglich aufzuschreiben, um sie anschließend mit einer Schmerzskala (siehe unten) zu bewerten.

Ebenfalls sollte der Patient notieren, wann die Schmerzen wie stark auftreten: Dazu protokolliert und bewertet er alltägliche Ereignisse wie Mahlzeiten, Besuche oder andere Aktivitäten. So kann der Patient, aber auch das Palliativteam ermitteln, was welchen Schmerz verursacht. Wenn der Patient nicht mehr oder noch nicht schreiben kann, können ihn Angehörige unterstützen.

Dieses tägliche Aufzeichnen von Schmerzen und Allgemeinbefinden kann, zum Beispiel im Zusammenhang mit Mahlzeiten, Besuchen oder anderen speziellen Aktivitäten dabei helfen, Ursachen, verstärkende und lindernde Faktoren von Schmerzen zu ermitteln und dadurch die Schmerztherapie (s.u.) individueller zu steuern.

Messen der Schmerzintensität mit Schmerzskalen

Hierbei handelt es sich um unterschiedliche Skalen, mit denen die Stärke des Schmerzes gemessen wird.

Kriterien zur Schmerzmessung sind beispielsweise:

  • Verhalten des Patienten (zum Beispiel Essen, Zugewandtheit, Schlafen),
  • Lautäußerungen (Weinen, Stöhnen etc.),
  • Mimik,
  • Aktivitätslevel.

Gebräuchliche Schmerzskalen sind beispielsweise:

  • Messskalen: zum Beispiel Zahlen- oder Punkteschema ( hier werden Schweregrade für den Schmerz vergeben)
  • Gesichterskala: Der Patient wählt je nach der empfundenen Schmerzsituation zwischen insgesamt 5 Gesichtern aus. Am Anfang der Skala steht ein eher fröhliches, am Ende ein schmerzverzerrtes Gesicht. Häufig eingesetzte Schmerzskalen sind beispielsweise die Gesichterskalen aus dem STOP-Projekt oder das englische "Paediatric Pain Profile (PPP)".

Auswertungen der Schmerzmessung:

Basierend auf der Punktezahl beziehungsweise dem Gesichtsausdruck entscheidet das Behandlungsteam, ob eine medikamentöse Schmerztherapie angezeigt ist, und wenn ja, welche (siehe unten).

Wichtig zu wissen: Schmerzmessung hilft dabei, Auswahl und Dosierung von Medikamenten sowie die Steuerung anderer Maßnahmen dem Alter sowie der persönlichen Situation und Wahrnehmung des Patienten anzupassen. Durch die Erfassung der Schmerzqualität, -stärke und -dauer und eine genau darauf abgestimmte Behandlung kann einer Unter- oder Überdosierung von Medikamenten vorgebeugt werden. Außerdem helfen die Messungen dem Behandlungsteam dabei, die optimalen Zeiten zur Schmerzmitteleinnahme festzulegen, so dass der Patient das Medikament dann rechtzeitig erhält, bevor er seine Schmerzen wieder spürt.